Archive for the ‘Pfeifenkonstruktion’ Category

Das Geheimnis der Walckerschen Concertfloete in Cairo

Sonntag, Februar 19th, 2012

Es war ein hartes Stück Arbeit, bevor wir irgendeinen Ton dieses seltsamen Registers hören konnten.

Der Stock der Töne C-H war zersägt worden, etwa 4 Pfeifen aus der Mittellage fehlten, und wie allgemein bekannt, waren alle Relais und ein erheblicher Teil der Windladen-Unterbretter zerstört. Die Holzpfeifen C-f erklangen übel gelaunt, als man sie das erste mal anspielte, weil die Pfeifen sich gegenseitig anbliesen und Klangentwicklung unmöglich machten. Wir mussten also neue, verlängerte Pfeifenfüsse in Cairo fertigen lassen, was mich durch die sehr gute Fertigung überraschte.

C-f  Holz, innenlabiert, mit einem offenen, tragenden und runden Holzklang, warm und wunderbare Unterlage für alle weiteren Register.

fs-f‘, Metall, relativ weitere Flötenmensur, mit Aufschnitten ca 1/5LB, also recht nieder, auf der Lade und um den Spieltisch recht zurückhaltender Ton, im Raum aber durchdringend, tragend

fs‘-a4, Metall, überblasend, doppelte Länge, ebenfalls ein Klang, der sich im Raum entwickelt und mit den anderen Register wundervolle Synthesen eingeht. Der Anblaston ist bei einer Traversflöte eine Idee stärker, daher ist dieses Register universeller einsetzbar. Mit der Superkoppel bekommt die Concertflöte eine weitere, tiefere Dimension. Es ist hier, als käme etwas Glanz dazu, weniger der Kraftzuwachs.

Wird die Concerflöte mit der Gambe zusammen gespielt, entsteht der Eindruck, als habe man ein schwaches Zungenregister im Hintergrund dazu gesetzt.

concertrloete.jpg   bild04.jpg   concertfloete-c.jpg   bild04a.jpg    concertfloete-f.jpg

Offensichtlich gab es um die Jahrhundertwende eine erste Schreibreform in Deutschland. Wir sehen hier die alte Schreibweise mit „C“oncert, während an der Walcker-Orgel für Michaeliskirche Hamburg eine radikale Eindeutschung der Registerschreibweisen durchgeführt wurden, die bei den gravierten Registerschildern und Dokumentationen auftreten, also „K“onzertflöte. Hingegen finden wir bei den Pfeifenstempeln und bei den beschrifteten Orgelteilen der Arbeiter meist die alten Schreibweisen.

Karl Lehr schreibt, dass er selten eine so schöne Konzertflöte, wie die von Walcker im Wormser Festhaus gehört habe: gehaltvoller Ton, gesättigt, rund und edlem Ton, bei dem der Flötencharakter in vorzüglicher Weise nachgeahmt wird. Auch Oscar Walcker erwähnt so ganz nebenbei und in tiefer Bescheidenheit, dass die Flöten der Deutschen (und da meint er Walcker) unschlagbar gegen die anderer Nationen sei, erwähnt aber die vorzüglichen Principale und Zungen der Engländer (die Zungen der Franzosen hat er natürlich nicht erwähnt).

Hier das Video zu diesem Blog mit dem sound der herrlichen Concertlfloete-Gambe-Combination:

gwm 19.2.2012 in Cairo

Walcker-Zungen der späten Orgelbewegung

Donnerstag, Februar 17th, 2011

Ein 4Seiten-Blatt über Zungenregister, wohl herausgebracht um 1950, hat uns Lehrlinge bei Walcker sehr interessiert.

Es waren die verschiedenen Becherformen von Zungenpfeifen und die Beschreibung der Klänge. Auch geht daraus hervor, dass man bei Walcker, mit Sicherheit auf Initiative Oscar Walckers, bei den Zungen mehr am englischen Orgelbau orientiert war (zumindest bei der Oboe) als bei den Franzosen. Heute ist sowieso abzusehen, bis wann derZeitpunkt kommen wird, wo man all die nachgemachten Cavaillé-Zungen nicht mehr hören kann, und auf feinere Hörgewohnheiten zurückgreift.

Hier also das 4seitige Dokument:

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gwm

gepresste Labien

Samstag, April 24th, 2010

Es findet über dieses Thema eine Diskussion auf einem Forum in Holland statt, wo auch einige interessante Bilder solcher Pfeifen zu sehen sind:

Es gibt immer wieder interessante Diskussion über gepresste Labien und ‚Fabriks’-Pfeifen aus der ersten Hälte des 20. Jahrhunderts. Siehe http://z12.invisionfree.com/organist/index.php?showtopic=1006.

Haben Sie mal ein Bild gesehen von einer ‚Labienpresse‘ und wissen Sie in wie vielen Mensurevarianten diese ‚Fabriks‘-Pfeiffen mit gepressten Labien erhaltlich waren? Einer öfters gehörten Beschwerden ist dass die Pfeiffen nur in einer sehr beschränkte Zahl von Standarmensüren gemacht werden konnten.

Ich habe mich bei der Firma Laukhuff erkundigt, dort wurden solche Pfeifen noch vor dem II.WK gefertigt, danach nicht mehr. Hier werden ausschließlich gedrückte und aufgelötete Labien gefertigt. Hingegen bietet die Firma Killinger das noch an.

Die Einschränkung bei Mensuren, glaube ich, ist nicht so elementar, wie man das vermutet. Aber ich muss zugeben, solch eine Presse noch nie gesehen zu haben, denn bei Walcker gabs das nicht.

gwm

Clarabella 8′ in der Walcker-Orgel in Tomintoul

Freitag, Juli 3rd, 2009

Das Register zeichnet sich durch einen durchdringenden Flötenton aus, der aber sehr sympathisch in der Mittellage klingt. Im Bass werden Pfeifen aus dem Bordun entnommen, im Diskant erinnert die Klangfarbe direkt an eine Traversflöte. Intoniert auf 92mm WS ist das Register am Spieltisch eine kleine Idee zu stark, aber im Raum, der heute mit einem Teppichboden ausgelegt ist, klingt es warm und ausgeglichen.

C-H gedeckt aus Bourdun 16

c-h gedeckt eigenes Register  (BREITE c=aussen 57, innen 38mm, TIEFE 68 mm außen, 49 mm innen) Aufschnitthöhe c0=12mm

c1-c4 offen, runde Aufschnitte, Innenlabien, Frosch,  (siehe Foto, wo man den Kreisausschnitt mit d>als Pfeifenbreite erkennen kann)

Bild mit Orientierungskreis:

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Ansicht des Registers:

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Video:

gwm 03.07.09

Skinner – stops – Registererläuterungen der Firma Skinner aus einem Prospekt ca 1925

Samstag, Juni 20th, 2009

Der Prospekt der Firma Skinner wurde von Oscar Walcker herangezogen bei der Bearbeitung der Walcker-Orgel Opus 2500, Nürnberg Reichsparteitag, dies lässt sich eindeutig auf Grund einiger Notizen Oscar Walcker’s belegen.
Für mich war sehr interessant zu sehen, welche Klangeigenschaften Skinner vereinzelten Registern beimaß, und dachte sofort, dass diese Beschreibungen sehr interessant in unserem AeolineBlog sein werden.
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Schön ist auch der Umstand, dass wir einige Zeichnungen zu diesen Registererklärungen haben, womit Mensur und Gestaltung der Pfeifen erkennbar werden. Man sollte aber nicht allzu genau hier Maße herauslesen wollen.
Blatt 1 (von Basson, Bombarde 32′, Cello, Chimes, Clarinet, Corno ‚damour, Corno di Bassetto, Diapason, Dulcet)

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English Horn, Erzähler, Flauto dolce, Flute celeste, French Horn, Gamba celeste, Gedeckt, Gross Gedeckt, Harmonic Flute, Harp, Celesta, Musette, Modern orchestral Voices,

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Nazard 2 2/3, Tierce 1 3/5, Septieme 1 1/7, Orchestral Oboe, Salicional, Trumpet, Unda Maris 4′

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gwm 20.06.09

(direkt nach einer Reise aus Bukarest)

Kernstiche

Mittwoch, April 1st, 2009

Manch einem gelten sie als das ausgesprochene Teufelswerk im Orgelbau, und anderen als Allheilmittel, um störende Pfeifengeräusche zu eliminieren. Besonders in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten waren Kernstiche passé. Dafür waren Diskussionen um offene Fusslöcher und Kernspaltenintonation an der Tagesordnung. So in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts haben sich die Ansichten in Sachen Intonationshilfen gewandelt. Auch die von anerkannten Altmeistern vorgenommenen Kernstiche, wie Andreas Silbermann, haben die Vorstellungen über radikale Ansichten gemildert.

Hier an unserer kleinen Serienorgel, Walcker Positiv „E“ – Canberra, Australien, war ich erstaunt beim Gemshorn und Rohrflöte eine völlig platte und fauchende, gehaltlose Intonation vorzufinden , so dass ich mich entschloss jenes“grundtonloses“ Zischen gegen maximale Klangkraft einzutauschen. Dafür sind drei Intonationsschritte erforderlich:

a) die Pfeifen müssen an Fuß und Kernspalte maximal geöffnet werden

b) das Oberlabium muss sehr weit herausgehoben werden

und last not least c) der Kern muss einige Kernstiche erhalten, beim Gemshorn 8 bis etwa c“. Mit den Kernstichen wird der runde, volle Ton begünstigt, Anblasgeräusche werden minimiert.

Wir haben an dieser Orgel 65mm Winddruck, der Aufschnitt war bereits sehr hoch angelegt, die Klangstärke der Basspfeifen war auch wegen der viel zu engen Mensur unbefriedigend schwach. Das wurde durch die obigen Maßnahmen verbessert. Besonders in der Mittellage sind die Pfeifen wesentlich frischer in Erscheinung getreten.

Kernstiche sind bei diesem niedrigen Winddruck nur verhalten anzubringen, aber erforderlich. Man beginnt am besten in der Mitte des Kerns einen kleinen Stich mit diesem bei Laukhuff erhältlichen Kernstichmesser. Dann setzt man vielleicht noch zwei links und rechts. Eher etwas vorsichtiger eindrücken. Weil bei zu starkem, Eindruck der gegenteilige Effekt eintreten kann, nämlich, dass die Pfeife zu zischen beginnt.

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Das erste Bild zeigt die Kernstiche mit dem Kernstichmesser, das zweite meinen ARbeitsplatz in Australien und das dritte die Rohrflöte im Vordergrund, dahinter Gemshorn. Man beachte die extrem enge Mensur an den rechten Pfeifen gut erkennbar.

gwm

Canberra 1.4.09 19Uhr43


Über Labien, Aufschnitte und Kerne der Labialpfeifen

Freitag, Februar 6th, 2009

Vor einigen Tagen bat mich ein Organist ihn etwas über diese Zusammenhänge aufzuklären, da er viel missverständliche Angaben zu Labienbreiten und Kernschrägen in Bezug auf Walcker-Orgeln gehört habe. Manche Erweiterung an Walcker-Orgeln haben einfachste Faustregeln der Pfeifenfertigung, wie sie bei Walcker üblich war, außer Acht gelassen, was die Einbindung dieser Pfeifen erschwert hat.
Das Thema war in der Tat nach dem II.WK sehr aktuell bei Walcker, da die alten Tabellen und Angaben von Oscar Walcker und seinen Bearbeitungen seit der Praetoriusorgel, für die kommenden Instrumente in neue Formen gegossen wurden.

LABIERUNG

Hinzu kommt, dass meist nur die Intonateure und Pfeifenmacher wissen, dass die Umfangmensur eines Labialregisters zwar für die Tragfähigkeit des Tones wichtig ist, aber für die Lautstärke keine besondere Rolle spielt. Hier ist viel bedeutender welcher Querschnitt die Kernspalte aufweist, und das ist wiederum bestimmt durch Labienbreite (LB) und Kernspaltbreite. Das Letztere ist aus physikalischen Gründen sehr begrenzt, ermöglicht dem Intonateur aber neben der Erweiterung am Fussloch den Windfluss an der Pfeife so zu regulieren, dass sie lauter oder leiser klingt.

Die Labienbreite hingegen wird vor Fertigung der Pfeifen festgelegt und ist nach Fertigstellung der Pfeifen nicht mehr zu ändern. Hier haben wir es mit einer Konstanten zu tun, mit der man die Lautstärke eines Registers festgelegt wird. Und auch später kann man sehr gut erfassen welche Klangvorstellung der Planer bei dem Pfeifenwerk gehabt hat.

An der nachfolgenden Skizze habe ich drei verschiedene Labienbreiten skizziert: a) breit labiert b) normal labiert c) eng labiert

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Der Pfeifenkörper ist, bevor er rundiert wird, ein rechteckiges Orgelmetallblech, genannte „Platte“, die mit Plattenbreite (PB) und Länge (PL) maßlich vom Pfeifenmacher bezeichnet wird. Das Labium beim Prinzipal ist in der Regel bei allen Orgelbauern gleich und rund 1/4 der Plattenbreite (untere Skizze). Man sagt also im Orgelbauerslang, LB= 1/4 PB, und weiß dann, dass es eine ganz normale Prinzipal-Lautstärke haben wird.

Wird das Labium enger gehalten, so wird diese Pfeifen schwächer im Klang. Fertigt man das Labium weiter als 1/4 PB so werden diese Pfeifen lauter. Die engsten Labien wurden lt. Aufzeichnungen Walcker bei der Bachflöte verwendet, mit bis zu 1/6 PB. Die breitesten Labien wurden wahrscheinlich bei starken Mixturen wie dem Scharff mit LB bis zu 1/3,5 PB und labialen Trompetenfortsetzungen LB bis zu 1/3 PB.

Eine ganz einfache Tabelle mit Kategorisierung der Labienbreite wurde bei Walcker nach diesem Muster verwendet:

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Ein Umstand kommt hier allerdings nicht zur Erscheinung, nämlich die Tatsache, dass bei Andreas Silbermann, der bei vielen Mensuren Walckers Pate stand, changierende oder einfach variable Labienmensuren verwendet hat, was bei Walcker erst ab 1978 passiert ist.

So also waren bei Silbermann in der tiefen Lage die Pfeifen weiter labiert und wurden zum Diskant hin zurückgenommen, was auch unserem heutigen Hörgewohnheiten entgegenkommt.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass Mixturen wenn diese Pfeifen weiter als 1/4 PB labiert werden, viel schneller beim Stimmen eingknicken, da ja weniger Körpermaterial zur Stützung vorhanden ist. Daher ist unbedingt zu empfehlen, niemals bei Mixturen über 1/4 PB hinauszugehen. Denn laut sind die Dinger ohnehin genug.

KERNSCHRÄGEN UND KERNFASEN

Der Aufschnitt der Pfeifen wird in Abhängigkeit zur Labiumbreite ermittelt, auch hier könnte man sagen 1/4 LB = niederer Aufschnitt und 1/2 oder mehr ist schon ganz schön aufgeschnitten- und danach richtet sich nun die Dicke des Kernes, der aber logischerweise vor dem Aufschneiden des Oberlabiums festgelegt wird er ist KD = 1/4 AH (1/4 Aufschnitthöhe = Kerndicke). Je höher der Aufschnitt ist, desto weniger Obertöne entwickelt das Luftband, das sich am Oberlabium schneidet.

Als Kernschrägen gab es bei Walcker nur zwei grundsätzliche Möglichkeiten: 52 Grad = schräge Kerne, 68 Grad = steiler Kern. Dazu muss man sich die nachfolgende Skizze, die eine geschnittene Labialpfeife darstellt, sich vergegenwärtigen:

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Von Silbermann stammt der Gedanke, eine Gegenphase unten am Kern anzubringen hier mit 74 Grad angegeben. Und es sei noch auf das Unterlabium hingewiesen, dass 172 Grad zu einer gedachten Parallellinie zum Pfeifenkörper oder schlicht -8Grad eingelassen werden soll.

Die schrägen Kerne mit 52 Grad wurden bei Walcker in Pommer, Flöten, Bourdun, Gemshorn, Gedackt, Sesquialter, Streicher, eingebaut während die steilen Kerne bei den Prinzipalen und Mixturen Eingang fanden.

AUFSCHNITTE

  • Weit mensurierte Register werden nieder aufgeschnitten
  • Eng mensurierte Register dagegen höher aufgeschnitten
  • Niederer Winddruck erfordert niederen Aufschnitt
  • Hoher Winddruck dagegen höheren Aufschnitt
  • Aufschnitte werden im Diskant grundsätzlich niederer gemacht als im Baß (aus Gründen der Stimmhaltung, Tonklarheit)

Hier ein paar Angaben der Aufschnitthöhen mit Registerangaben:

  • Prinzipal 8 1/3,4 – 1/4 LB
  • Oktave 4 1-2 HT niederer als 8′
  • Prinzipal 2 2 HT niederer als 4′
  • Flöten 8+4 1/2,5 – 1/3 LB
  • Gedackte 8 und 4 1/2 – 1/3 LB
  • Quintatön 16+8+4 1/3,5 – 1/4 LB
  • Schwiegel, Quinten, Terzen 1/3,4 – 1/4LB
  • Septime,None 1/5- 1/7 LB
  • Nachthorn, Flöten, Streicher 1/3-1/4 LB

gwm