Archive for the ‘Cairo’ Category

Die Oboe 8 in der Walcker-Orgel in Kairo

Samstag, März 31st, 2012

Oboen sind bei kleineren Orgeln immer Glanzpunkte, die auch meist vom Intonationsvermögen des Erbauers Kunde tun. Daher war ich anfangs sehr skeptisch ein äußerst lädiertes Pfeifenregister hier vorzufinden, dass freudlos die Flügel hängen ließ und bei dem mehr als 12 Pfeifen gefehlt haben.

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Wir haben es hier mit konischen, deutschen Kehlen zu tun, die von C-f beledert sind. Und da die Belederung an der Kehle ausgespart ist, was heißt, der Platz für das Leder wurde ausgefräst, hat man nicht die Möglichkeit das Leder einfach zu entfernen. Das recht harte „Hirschleder“ wird nämlich im Alter mürbe und hart und man würde gerne darauf verzichten, weil gleiches Leder in selbiger Dicke nicht einfach herangekarrt werden kann. Wir konnten also das Leder gut überarbeiten und haben es neu aufgeleimt und sind auch dankbar nun, diesen warmen, runden Klang in der tiefen Oktave dafür bekommen zu haben.

Bei der tiefen Oktave erhält man so einen recht ordentlichen, engmensurierten Trompetenton. Ab c3 haben wir dann Labialpfeifen.

Man ist erstaunt wie gut und leicht diese Walcker-Pfeifen nach 100 Jahren anspringen und einem von der Hand gehen, wenn man zuvor in einer römischen Tamburini seine Dienste versehen musste. Denn deren Zungenpfeifen waren allesamt nicht nur schlecht mensuriert sondern ausgesucht schwierig zu handhaben und bei den kleineren Zungenpfeifen sogar mit extrem üblen Zungenmaterial bestückt. Wir haben dort praktisch alles Zungenmaterial erneuert, während hier an der Walcker nur etwa 5-6 Zungen ersetzt werden mussten.

Im Gegensatz zu Trompetenbechern müssen Oboen 100%ig in ihrer Bechermensur sitzen. Dann klingt und verschmilzt dieses Register mit allen anderen hervorragend. Besonders gern mag die Oboe hölzerne Begleiter wie Bordune, Konzert-, Travers- und Wienerflöten. Bei solch einer recht kleinen spätromantischen, wie hier die Walcker-Orgel in Kairo ist die Oboe nicht nur Soloinstrument sondern ganz elementar für Plenum und Tutti zuständig, gewissermaßen das Salz in der Suppe.

 Auch die Stimmung wird bei der Oboe  besser gehalten als bei kurzbechrigen Registern.

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Die Oboe kann sogar mit dieser butterweichen Mixtur des Schwellwerks alleine gespielt werden (wenn die Orgel gestimmt ist.

Wir habens trotzdem gewagt eine Pleno-Tutti-Registrierung zu zeigen, gesteigert mit Sub und dann Superkoppel. Da ist allerdings noch nicht der wärmende Bordun 16 und Prinzipal 8 des Hauptwerks mit drin. Da sind wir gerade dran.

Und dann gibt’s ja bald das Fernwerk mit Gemshorn, Bordun 8 und Voce umana.

 

hier das Video zur Oboe:

 

gwm

Das Geheimnis der Walckerschen Concertfloete in Cairo

Sonntag, Februar 19th, 2012

Es war ein hartes Stück Arbeit, bevor wir irgendeinen Ton dieses seltsamen Registers hören konnten.

Der Stock der Töne C-H war zersägt worden, etwa 4 Pfeifen aus der Mittellage fehlten, und wie allgemein bekannt, waren alle Relais und ein erheblicher Teil der Windladen-Unterbretter zerstört. Die Holzpfeifen C-f erklangen übel gelaunt, als man sie das erste mal anspielte, weil die Pfeifen sich gegenseitig anbliesen und Klangentwicklung unmöglich machten. Wir mussten also neue, verlängerte Pfeifenfüsse in Cairo fertigen lassen, was mich durch die sehr gute Fertigung überraschte.

C-f  Holz, innenlabiert, mit einem offenen, tragenden und runden Holzklang, warm und wunderbare Unterlage für alle weiteren Register.

fs-f‘, Metall, relativ weitere Flötenmensur, mit Aufschnitten ca 1/5LB, also recht nieder, auf der Lade und um den Spieltisch recht zurückhaltender Ton, im Raum aber durchdringend, tragend

fs‘-a4, Metall, überblasend, doppelte Länge, ebenfalls ein Klang, der sich im Raum entwickelt und mit den anderen Register wundervolle Synthesen eingeht. Der Anblaston ist bei einer Traversflöte eine Idee stärker, daher ist dieses Register universeller einsetzbar. Mit der Superkoppel bekommt die Concertflöte eine weitere, tiefere Dimension. Es ist hier, als käme etwas Glanz dazu, weniger der Kraftzuwachs.

Wird die Concerflöte mit der Gambe zusammen gespielt, entsteht der Eindruck, als habe man ein schwaches Zungenregister im Hintergrund dazu gesetzt.

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Offensichtlich gab es um die Jahrhundertwende eine erste Schreibreform in Deutschland. Wir sehen hier die alte Schreibweise mit „C“oncert, während an der Walcker-Orgel für Michaeliskirche Hamburg eine radikale Eindeutschung der Registerschreibweisen durchgeführt wurden, die bei den gravierten Registerschildern und Dokumentationen auftreten, also „K“onzertflöte. Hingegen finden wir bei den Pfeifenstempeln und bei den beschrifteten Orgelteilen der Arbeiter meist die alten Schreibweisen.

Karl Lehr schreibt, dass er selten eine so schöne Konzertflöte, wie die von Walcker im Wormser Festhaus gehört habe: gehaltvoller Ton, gesättigt, rund und edlem Ton, bei dem der Flötencharakter in vorzüglicher Weise nachgeahmt wird. Auch Oscar Walcker erwähnt so ganz nebenbei und in tiefer Bescheidenheit, dass die Flöten der Deutschen (und da meint er Walcker) unschlagbar gegen die anderer Nationen sei, erwähnt aber die vorzüglichen Principale und Zungen der Engländer (die Zungen der Franzosen hat er natürlich nicht erwähnt).

Hier das Video zu diesem Blog mit dem sound der herrlichen Concertlfloete-Gambe-Combination:

gwm 19.2.2012 in Cairo

Dolce 8′ versus Viola d Gamba

Sonntag, Februar 5th, 2012

Von der Dolce 8′ des I.Manuals (von Hauptwerk mag man bei fünf Registern kaum sprechen) waren überraschend viele Pfeifen vorhanden. Und zwar gab es von c-a4 nur eine fehlende Pfeife und leider die große Oktave C-H mussten wir gegen ein Gedackt aus unserem Bestand auffüllen.

Werkbuch Walcker „op.1668 Cairo“

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Die größte Überraschung aber war der Klang dieser Dolce.

Zunächst der Hinweis, dass bei konisch gestalteten Pfeifenformen versucht wird ungeradzahlige Teiltöne zu fabrizieren, das ist bei Gemshorn und Dolce zweifellos der 5te Teilton, die Terz, welche je nach Winkel dieses Konus stärker oder weniger stark in Erscheinung tritt.

Hier bei dieser Dolce also, wo ohnehin die „dulce-Süße“ im Vordergrund steht, die Klangstärke also erheblich reduziert ist, bewirkt dieser schwache Terzton ein unerhört feines, hintergründiges Raunen, das an ein durchschlagendes Register erinnert; aber eben nur „erinnert“, denn jedes „Forschergehör“, das nicht vom romantischen „In-sich-selbst-Gestalten“ inspiriert ist, wird wie unsere deutschen Neobarokkos gezeigt haben, sich einen Dorn in die Hand nehmen und die Fußlöcher erst mal auf „ordentliches“ Maß aufdrehen, damit man überhaupt einen Grundton wahrnimmt.

Da haben wir hier in Kairo Glück gehabt, von drei, vier Pfeifen abgesehen, waren alle Pfeifen beanstandungslos. Manche Stimmvorrichtung musste nachgelötet werden, mancher Pfeifenkörper wurde rundiert, aber der Klang, der hat auf dieser Hängebälglade eine Qualität, wie ich sie noch nie vorher gehört habe und ich konnte mich kaum vom Spieltisch mehr losreißen,

Die Gambe 8′ des Schwellwerks haben wir seit Weihnachten spielbar und es war schon erstaunlich welcher gewaltige Lautstärke die beiden Register unterschied. Wunderschön das Zusammenspiel mit rechter Hand auf  Gambe und linker Begleitung mit der Dolce. Das kann ich mangels Organistenausbildung Ihnen hier nicht in entsprechender Qualität zeigen: aber es ist versprochen demnächst es nachzuholen.

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und hier das Video, welches wir für diesen Zweck in Kairo gemacht haben, während draußen, drunten und drüber Revolutionsgeschrei die Stadt erfüllte:

gerhard@walcker.com  05.02.2012