Über Labien, Aufschnitte und Kerne der Labialpfeifen

Vor einigen Tagen bat mich ein Organist ihn etwas über diese Zusammenhänge aufzuklären, da er viel missverständliche Angaben zu Labienbreiten und Kernschrägen in Bezug auf Walcker-Orgeln gehört habe. Manche Erweiterung an Walcker-Orgeln haben einfachste Faustregeln der Pfeifenfertigung, wie sie bei Walcker üblich war, außer Acht gelassen, was die Einbindung dieser Pfeifen erschwert hat.
Das Thema war in der Tat nach dem II.WK sehr aktuell bei Walcker, da die alten Tabellen und Angaben von Oscar Walcker und seinen Bearbeitungen seit der Praetoriusorgel, für die kommenden Instrumente in neue Formen gegossen wurden.

LABIERUNG

Hinzu kommt, dass meist nur die Intonateure und Pfeifenmacher wissen, dass die Umfangmensur eines Labialregisters zwar für die Tragfähigkeit des Tones wichtig ist, aber für die Lautstärke keine besondere Rolle spielt. Hier ist viel bedeutender welcher Querschnitt die Kernspalte aufweist, und das ist wiederum bestimmt durch Labienbreite (LB) und Kernspaltbreite. Das Letztere ist aus physikalischen Gründen sehr begrenzt, ermöglicht dem Intonateur aber neben der Erweiterung am Fussloch den Windfluss an der Pfeife so zu regulieren, dass sie lauter oder leiser klingt.

Die Labienbreite hingegen wird vor Fertigung der Pfeifen festgelegt und ist nach Fertigstellung der Pfeifen nicht mehr zu ändern. Hier haben wir es mit einer Konstanten zu tun, mit der man die Lautstärke eines Registers festgelegt wird. Und auch später kann man sehr gut erfassen welche Klangvorstellung der Planer bei dem Pfeifenwerk gehabt hat.

An der nachfolgenden Skizze habe ich drei verschiedene Labienbreiten skizziert: a) breit labiert b) normal labiert c) eng labiert

lab_pfeife.jpg

Der Pfeifenkörper ist, bevor er rundiert wird, ein rechteckiges Orgelmetallblech, genannte „Platte“, die mit Plattenbreite (PB) und Länge (PL) maßlich vom Pfeifenmacher bezeichnet wird. Das Labium beim Prinzipal ist in der Regel bei allen Orgelbauern gleich und rund 1/4 der Plattenbreite (untere Skizze). Man sagt also im Orgelbauerslang, LB= 1/4 PB, und weiß dann, dass es eine ganz normale Prinzipal-Lautstärke haben wird.

Wird das Labium enger gehalten, so wird diese Pfeifen schwächer im Klang. Fertigt man das Labium weiter als 1/4 PB so werden diese Pfeifen lauter. Die engsten Labien wurden lt. Aufzeichnungen Walcker bei der Bachflöte verwendet, mit bis zu 1/6 PB. Die breitesten Labien wurden wahrscheinlich bei starken Mixturen wie dem Scharff mit LB bis zu 1/3,5 PB und labialen Trompetenfortsetzungen LB bis zu 1/3 PB.

Eine ganz einfache Tabelle mit Kategorisierung der Labienbreite wurde bei Walcker nach diesem Muster verwendet:

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Ein Umstand kommt hier allerdings nicht zur Erscheinung, nämlich die Tatsache, dass bei Andreas Silbermann, der bei vielen Mensuren Walckers Pate stand, changierende oder einfach variable Labienmensuren verwendet hat, was bei Walcker erst ab 1978 passiert ist.

So also waren bei Silbermann in der tiefen Lage die Pfeifen weiter labiert und wurden zum Diskant hin zurückgenommen, was auch unserem heutigen Hörgewohnheiten entgegenkommt.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass Mixturen wenn diese Pfeifen weiter als 1/4 PB labiert werden, viel schneller beim Stimmen eingknicken, da ja weniger Körpermaterial zur Stützung vorhanden ist. Daher ist unbedingt zu empfehlen, niemals bei Mixturen über 1/4 PB hinauszugehen. Denn laut sind die Dinger ohnehin genug.

KERNSCHRÄGEN UND KERNFASEN

Der Aufschnitt der Pfeifen wird in Abhängigkeit zur Labiumbreite ermittelt, auch hier könnte man sagen 1/4 LB = niederer Aufschnitt und 1/2 oder mehr ist schon ganz schön aufgeschnitten- und danach richtet sich nun die Dicke des Kernes, der aber logischerweise vor dem Aufschneiden des Oberlabiums festgelegt wird er ist KD = 1/4 AH (1/4 Aufschnitthöhe = Kerndicke). Je höher der Aufschnitt ist, desto weniger Obertöne entwickelt das Luftband, das sich am Oberlabium schneidet.

Als Kernschrägen gab es bei Walcker nur zwei grundsätzliche Möglichkeiten: 52 Grad = schräge Kerne, 68 Grad = steiler Kern. Dazu muss man sich die nachfolgende Skizze, die eine geschnittene Labialpfeife darstellt, sich vergegenwärtigen:

img_0001.jpg

Von Silbermann stammt der Gedanke, eine Gegenphase unten am Kern anzubringen hier mit 74 Grad angegeben. Und es sei noch auf das Unterlabium hingewiesen, dass 172 Grad zu einer gedachten Parallellinie zum Pfeifenkörper oder schlicht -8Grad eingelassen werden soll.

Die schrägen Kerne mit 52 Grad wurden bei Walcker in Pommer, Flöten, Bourdun, Gemshorn, Gedackt, Sesquialter, Streicher, eingebaut während die steilen Kerne bei den Prinzipalen und Mixturen Eingang fanden.

AUFSCHNITTE

  • Weit mensurierte Register werden nieder aufgeschnitten
  • Eng mensurierte Register dagegen höher aufgeschnitten
  • Niederer Winddruck erfordert niederen Aufschnitt
  • Hoher Winddruck dagegen höheren Aufschnitt
  • Aufschnitte werden im Diskant grundsätzlich niederer gemacht als im Baß (aus Gründen der Stimmhaltung, Tonklarheit)

Hier ein paar Angaben der Aufschnitthöhen mit Registerangaben:

  • Prinzipal 8 1/3,4 – 1/4 LB
  • Oktave 4 1-2 HT niederer als 8′
  • Prinzipal 2 2 HT niederer als 4′
  • Flöten 8+4 1/2,5 – 1/3 LB
  • Gedackte 8 und 4 1/2 – 1/3 LB
  • Quintatön 16+8+4 1/3,5 – 1/4 LB
  • Schwiegel, Quinten, Terzen 1/3,4 – 1/4LB
  • Septime,None 1/5- 1/7 LB
  • Nachthorn, Flöten, Streicher 1/3-1/4 LB

gwm

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