Das Klangdesign der Convention-Hall-Organ in Atlantic City 1.Teil

Die größte Orgel der Welt (World’s Greatest) sollte aus mehreren Gründen mit anderem Maßstäben betrachtet werden, als wir sie beim Bemessen von Orgeln in Europa verwenden. So wäre zunächst einmal zu sagen, dass diese Orgel, wenn überhaupt, „World’s Largest“  genannt werden sollte. Und wir wollen hier gleich einmal mit den fehlerhaften  Zahlenspielen der Amerikaner etwas aufräumen, bevor wir mit der Klanganalyse beginnen, basierend auf einer Schrift aus 1932 (Extracts From Specification). Zählt man alle dort angegebenen Pfeifenzahlen zusammen, erhält man eine Summe von 29.537 Pfeifen und keinesfalls 33.000 wie in vielen Schriften angegeben. Fehlerhafte Angaben sind sowohl bei Hielscher und Die Orgelseite sowie alle anderen Seiten, die schlichtweg den Werbeprospekt von der Erbauerfirma Midmer & Losh abgeschrieben haben. Hinzu kommt, dass wohl nie die ganze Orgel als Ganzes spielbar war, und so die “Größte Orgel der Welt” ein Prädikat ist, das auf sehr tönernen Füßen steht.

Es handelt sich nach unserer Ermittlung exakt um 297 Pfeifenregister und 613 Transmissionen, was 970 Registerschalter ergibt. Darin enthalten sind auch die verschiedenen Register mit Schlagkörper, wie Castagneten, Triangel, Holzblöcke, Klavier etc.. Dazu kommen noch über 200 Schalter für Koppeln und anderes, was hier unberücksichtigt bleiben soll.

Zum Verständnis zur Klangstruktur sei anzumerken, dass spätestens seit der Henry Willis – Orgel in St. Paul’s Cathedral in London (1872) und vorher bereits der Konzertorgel für St. George´s Hall in Liverpool (1854)  auch in der angelsächsischen Welt orchestraler Klang in die Orgel eingezogen ist.

Da die in den USA schnell wachsenden Städte kaum mit nachwachsenden Orchestern und Opernhäusern Schritt halten konnten, machten sich rasch Orgeln in den Stadthallen breit, die das aufblühende Chorwesen und Musikinteresse bedienen konnten. Diese Orgeln wurden in vielen Einzelkabinen rund um den Saal eingebaut,und die allesamt schwellbar gestaltet wurden. Natürlich war hierzu nur die elektrische Traktur geeignet. Das von Hope-Jones erfundene Unit-System um 1900, ermöglichte außerdem, dass einzelne Pfeifenreihen mehrfach von verschiedenen Manualen und Pedal (Transmissionen) gespielt werden konnten.Außerdem konnten aus einer 32′-Pfeifenreihe problemlos 21 1/3′, 16′, 10 2/3′ etc. gezogen werden. Und genau dieses System macht es uns heute im Abendlande sehr schwierig die us-amerikanischen Orgeln in Größe und vor allem in ihrer klanglichen Struktur mit  mitteleuropäischen Instrumenten zu vergleichen.

Wir sehen an den nachfolgenden Dispositionsauszügen, dass oft auf einzelne Registereinschaltungen mehrere Pfeifenreihen gezogen wurden, besonders bei den großen Bassregistern werden vielfache Grund-und Teiltöne in Form von Pfeifenreihen addiert.Das heißt also, wie wir gleich auf dem ersten Blatt sehen werden, dass bei Einschaltung der CONTRA TIBIA CLAUSA 32′ folgende Registerreihen (ranks) gezogen werden: 32′, 21 1/3′, 16′, 8′, 5 1/3′, 4, 2 2/3′, 2′ (1′ ist ein Druckfehler) 1 1/3′. Das ist gegenüber dem kontinentalen Orgelbau etwas ganz Neues. Aber prinzipell auf den Gedanken Voglers und Helmholtz aufbauend.

Wir sehen auch, dass diese Reihe nicht lückenlos die Teiltöne 2,3,4,5,6,7,8 etc. repräsentiert, denn es fehlt  nach  2, 3,4 .. der 5te und der 7te Teilton, die wiederum aber in Terz 12 4/5 und Septieme 9 1/7 aus Unitsystemen herausgezogen werden. Also mit Schleifladen wäre das ohnehin nicht zu machen gewesen.

Von der Teilton-Organisation her ist das bereits mit den anstehenden Konstruktionen von elektromechanischer Klangerzeugung und späteren elektronischen Instrumenten die Grundlage. Klar ist, dass es bei Digitalen Instrumenten überhaupt kein Problem mehr darstellt und durch die völlig reine Stimmung zu einer gewissen Langeweile im Klang führt.

Die Winddrücke speziell hier in Atlantic City Hall sind alle exakt vorgeschrieben auf der Registerliste und werden in inch (1’’=25,4mm) angegeben. Wir erkennen schnell, dass hier mit sehr hohen Winddrücken gearbeitet wird, und, dass diese Winddrücke keiner Werkschematik unterliegen.

Die Spieltischanlage des 5manualigen Spieltisches ist:

Pedal (Reg.1-199)

I.Manual, Great CC-c5 = 73 Tasten (Reg.199-288)

II.Manual, (Reg. 204-326)

III.Manual, (Reg. 327- 464)

IV.Manual, (Reg. 465- 501)

V.Manual, (Reg. 502- 570) Antiphonal

Dieser Spieltisch wurde vor dem 7manualigen Ungetüm, auf dem sich Dupré ablichten ließ eingebaut. Er war mit Sicherheit derjenige, auf dem die ersten Konzerte abgehalten wurden. Hier ein Bild mit den Erbauern Midmer & Losh:

 spieltisch3.jpg

 

Der siebenmanualige Spieltisch

I.Manual = CHOIR, II.Manual = GREAT, III.Manual = SWELL, IV.Manual = SOLO, V.Manual = FANFARE, VI.Manual = ECHO, VII.Manual = GALLERY

und dieser Spieltisch hat rund 1250 Registertasten, die ich mir zunächst erspare hier einzeln zu zeigen. Dafür aber eine Spieltischansicht:

 

 spieltisch2.jpg  spieltisch1.jpg

 

Und nun kommen wir zum eigentlichen “Verhandlungsgegenstand”, nämlich dem Klangbild des Giganten.

Eine Schrift, die im Jahre 1932 herausgebracht wurde (ich nehme an, dass es eine Vertragsunterlage war, die alle Details des Orgelbaus enthielt, und die dann sxpäter für Organisten etc. herausgebracht wurde, damit sie eine greifbare Unterlage hatten, um sich vorzubereiten) Diese Schrift jedenfalls diente Oscar Walcker als Arbeitsunterlage für Nürnberg und sie ist die Grundlage für meine Zusammenfassung der Pfeifenanzahlen usw.

Ich habe nun die Angaben, die dort in englisher Sprache vermerkt sind ins Deutsche übersetzt, und damit können wir uns ein Bild machen über die Klangvorstellungen der Organisten und Architekten, die diese Orgel gebaut haben. Da das Ganze auf über 60 Seiten dargestellt ist, müssen wir uns bei der Darstellung hier etwas begrenzen.

Zunächst zeige ich die erste Seite des Pedals, es erfolgt eine Übersetzung der Klangbeschreibung, dann folgend verschiedene Fotos aus der Orgel. Und mit viel Glück werden weitere Blogs folgen, die diese Orgel weiter beschreiben.

Hier also das erste Blatt “Details of the Tonal Design of the Organ”:

text01.jpg text02.jpg

 

Die gesamte Orgel ist in rund 16 Orgel-Kammern untergebracht. Wir sehen nun an dem ersten Blatt, dass diese Pedalregister in den Kammern 1+2 untergebracht sind.

In der ganz rechten Spalte stehen die Anzahl der eigenständigen Pfeifen, natürlich sind es bei den hinzugezogenen Reihen mehr Pfeifen die sprechen, diese aber werden an ihrer Stelle auf der eigenen Windlade hinzuaddiert. Die gesamte Addition ergibt dann die Summe von 29.537 Pfeifen.

 

Die Klangeigenschaften der Register werden wie folgt beschrieben:

CONTRA TIBIA CLAUSA 32′ : soll tiefer im Ton sein als der des Diapason. soll nicht seine Quinte forcieren, soll ein gewisses Gewicht ergeben und ein fundamentale Qualität des Tones.

DIAPHON PHONON 16′ : der Principal-Flöten-Ton in Kammer 2. Infolgedessen soll er vollen, durchdringenden Charakter haben und in sich einen hohen Grad des offenen Holzpfeifenklanges mit wenig Obertonklang zeigen. Er darf keinesfalls zungenähnlich sein.

TIBIA MAJOR 16′ : Mit doppelten Labien, um ein MAximum von Tibiaqualität zu geben, die man überhaupt von einer Orgelpfeife erwarten kann.

PRINCIPAL 16′ : von Holz, soll ein Maximum an Obertönen geben und soll die Linie für diesen Abschnitt des Pedals sein; er soll ähnlich einer Schulze-Pedalstimme mit niederem Winddruck werden.

CONTRA VIOL 16′ : soll eine doppelt streichende Stimme sein; es soll den Charakter von einer maximalen Kraft haben, welche man überhaupt aus einer streichenden Stimme erzielen kann.

TIERCE und SEPTIME: solll mit einem Minimum von Obertönen intoniert werden und mit genügend Kraft, um einen Teil des Pedalchores zu sein.

BOMBARDE 32′ : soll einen geschlossenen Toncharakter sein, weicher als die Bombarde Nr.18, und passend als ähnliches Register zu Ophicleide

OPHICLEIDE 16′ : Principal-Pedal-Zunge mit einem reichen, vollen und führenden Ton. Dominiert die ganze Abteilung

TRUMPET 16′ : mit typischer Trompetencharaktersitik

CONTRA DIAPHONE 32′ : der führende 32′ Principal-Ton mit großem Gewicht und starker Kraf, frei von Zungenqualität

DIAPASON 32′ : obertonreich, und von solcher Kraft, wie man es von doppellabierten Metallpfeife erwarten kann

CONTRA BASS 16′: soll ein möglichst großes Obertonspektrum haben, damit ein voller Streichbass entsteht

TIBIA CLAUSA 16′ : einen vollen, aber weichen Ton haben, aber mit einem Minimum an Obertönen

STENTOR SESQUI ALTERA 7 ranks, soll bestehen aus weitlabierten Diapasonpfeifen, soll so intoniert sein, als es überhaupt an Brillanz und Kraft möglich ist, sie muss fähig sein, den ganzen Zungenchor zusammen zu fassen.

DULZIAN 64′, soll von Trombaqualität sein

BOMBARDE 32′, soll die hauptsächlichste Zunge 32′ sein, sie soll von mächtiger brillanter Qualität sein, sie soll Grundton haben mit der Tuba, und die Brillanz der Trompete haben

FAGGOTONE 32′, soll von ruhiger Intonation sein, der Charakter des Tones soll etwas schneidend sein

CONTRA POSAUNE 16′ soll viel mehr noch als Ophicleide Brillanz haben und soll so intoniert sein, dass sie die größt mögliche Tonstärke in der Trompetenfalmilie aufweist.

 

BILDER AUS DER ORGEL IN ATLANTIC CITY

FANFARE ORGAN – 1250mm WS

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ECHO’ ORGAN mit 32′ volle Länge DOUBLE LANGUID VIOLONE  375mm + 850mm WS

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Stimmer in der FANFARE ORGAN an der GAMBA TUBA, im Vordergrund steht die TROMBA

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 Die 32′ CONTRA TROMBONE mit 875mm WS (mit Stimmer)

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STENTOR MIXTUR gestimmt von Vincent Willis

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 OFFENE 32′ im Montagesaal

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gwm

4 Responses to “Das Klangdesign der Convention-Hall-Organ in Atlantic City 1.Teil”

  1. Verweijs1 sagt:

    Dear Mr Walcker-Mayer,

    To read about the Atlantic City organ is always interesting! I am under the impression that the brochure on which you have based your article is not complete, or it was published during the construction of the organ, after which numerous additions were made to the organ. Recent thorough studies have indicated that the organ has 449 ranks, 314 speaking stops and about 33,114 pipes (this number is indicative, see the website of the Atlantic City Convention Hall Organ Society). Any way, it is most certain that there are more than 33,000 pipes present in the instrument.

    This is the link for the ACCHOS and the stop/pipe count:

    http://www.acchos.org/faq_pipes.php

    There are numerous interesting photographs of the organ on this site too.

    The pipes are actually housed in 8 organ chambers (and not 16) in the building. It is needless to say that all of the organ did work for some years after its finishing. The fact that the organ never completely worked is a fable. Senator Emerson Richards (the designer of the organ) had very high demands regarding the workmanship, voicing and finishing of the organ. He would never have agreed to sign the final approval of the organ if it was not functioning completely.

    The problems started when the combination action (housed in the basement of the building) was flooded in the 1940’s. It was destroyed and never replaced. In later years leaking roofs caused major damage to the chests and pipework housed in both roof chambers. This, and the lack of proper maintenance of the instrument resulted in many sections of the organ not working (also due to the presence of asbestos in the roof chambers, these chambers were off limits for several years, until the asbestos was removed during the recent restoration of the building).

    There are some very interesting recent publications about the instrument, these can be ordered directly from the AACHOS, at the following webpage:

    http://www.acchos.org/store_book.php

    The ACCHOS is very active, and some money is available to bring parts of the instrument back in working order. But a complete restoration will take many years and will cost lots of money!

    I hope this information is of interest to you. I am a great admirer of your work an writings. I am in no way affiliated with the ACCHOS, I simply admire the work they are doing and hope that the Midmer-Losh organ will be completely restored in the near future.

    With very best wishes and warmest regards,
    Dave Lazoe.

  2. Sprondel sagt:

    Lieber Herr Walcker-Mayer, eine Korrektur zu Ihren Übersetzungen zur Klangcharakteristik der Pedalregister in Atlantic City: Immer, wenn von “double languid pipes” die Rede ist, sind nicht doppelte Labien gemeint, sondern Doppelkerne nach dem Patent von Vincent “Harry” Willis (Foto siehe z. B. S. 60 im Buch von Stephen D. Smith).

    Zwischen dem oberen und dem unteren Kern ist an der Rückseite der Pfeife eine Öffnung zum Pfeifenkörper hin. Der Luftstrom aus der Kernspalte saugt durch sie Luft aus dem Pfeifenkörper an. Dadurch bleibt der Klang obertonreich, auch wenn die Aufschnitte wegen der ungewöhnlich hohen Winddrücke sehr hoch sind (siehe auch die Erklärung bei Smith, S. 58ff.).

    Die Konstruktion zielt also auf Brillanz bei extrem hohen Winddrücken, nicht auf vergrößerte Klangleistung durch ein zusätzliches Labium.

    Freundlichen Gruß,
    Friedrich Sprondel

  3. Sprondel sagt:

    … und noch etwas — Ihre Bildunterschrift zum letzten Bild (offenen 32′ im Montagesaal) ist zwar korrekt, aber nur insofern, als der »Montagesaal« in diesem Fall die Orgelkammer selbst ist. Ich schließe mich dem freundlichen Herrn von der ACCHOS an und empfehle Ihnen mit Nachdruck die beiden Bücher “Atlantic CIty’s Musical Masterpiece” und “The Atlantic City Convention Hall Organ” von Stephen D. Smith. Smith trägt alles an Informationen zusammen, was es über die Orgel zu wissen gibt, auch die Kommentare zum (beabsichtigten) Klangcharakter der Reihen und zahlreiche hervorragende Fotos vom Bau der Orgel; und er verteidigt die Orgel ausdrücklich als künstlerisch konzipiertes Musikinstrument, um ein wenig gegen der Ruf der sinnlosen Rekordjagd entgegenzuwirken. Sehr sympathisch.

    Gruß,
    Friedrich Sprondel