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Das Klangdesign der Convention-Hall-Organ in Atlantic City 1.Teil

Sonntag, Dezember 27th, 2009

Die größte Orgel der Welt (World’s Greatest) sollte aus mehreren Gründen mit anderem Maßstäben betrachtet werden, als wir sie beim Bemessen von Orgeln in Europa verwenden. So wäre zunächst einmal zu sagen, dass diese Orgel, wenn überhaupt, „World’s Largest“  genannt werden sollte. Und wir wollen hier gleich einmal mit den fehlerhaften  Zahlenspielen der Amerikaner etwas aufräumen, bevor wir mit der Klanganalyse beginnen, basierend auf einer Schrift aus 1932 (Extracts From Specification). Zählt man alle dort angegebenen Pfeifenzahlen zusammen, erhält man eine Summe von 29.537 Pfeifen und keinesfalls 33.000 wie in vielen Schriften angegeben. Fehlerhafte Angaben sind sowohl bei Hielscher und Die Orgelseite sowie alle anderen Seiten, die schlichtweg den Werbeprospekt von der Erbauerfirma Midmer & Losh abgeschrieben haben. Hinzu kommt, dass wohl nie die ganze Orgel als Ganzes spielbar war, und so die „Größte Orgel der Welt“ ein Prädikat ist, das auf sehr tönernen Füßen steht.

Es handelt sich nach unserer Ermittlung exakt um 297 Pfeifenregister und 613 Transmissionen, was 970 Registerschalter ergibt. Darin enthalten sind auch die verschiedenen Register mit Schlagkörper, wie Castagneten, Triangel, Holzblöcke, Klavier etc.. Dazu kommen noch über 200 Schalter für Koppeln und anderes, was hier unberücksichtigt bleiben soll.

Zum Verständnis zur Klangstruktur sei anzumerken, dass spätestens seit der Henry Willis – Orgel in St. Paul’s Cathedral in London (1872) und vorher bereits der Konzertorgel für St. George´s Hall in Liverpool (1854)  auch in der angelsächsischen Welt orchestraler Klang in die Orgel eingezogen ist.

Da die in den USA schnell wachsenden Städte kaum mit nachwachsenden Orchestern und Opernhäusern Schritt halten konnten, machten sich rasch Orgeln in den Stadthallen breit, die das aufblühende Chorwesen und Musikinteresse bedienen konnten. Diese Orgeln wurden in vielen Einzelkabinen rund um den Saal eingebaut,und die allesamt schwellbar gestaltet wurden. Natürlich war hierzu nur die elektrische Traktur geeignet. Das von Hope-Jones erfundene Unit-System um 1900, ermöglichte außerdem, dass einzelne Pfeifenreihen mehrfach von verschiedenen Manualen und Pedal (Transmissionen) gespielt werden konnten.Außerdem konnten aus einer 32′-Pfeifenreihe problemlos 21 1/3′, 16′, 10 2/3′ etc. gezogen werden. Und genau dieses System macht es uns heute im Abendlande sehr schwierig die us-amerikanischen Orgeln in Größe und vor allem in ihrer klanglichen Struktur mit  mitteleuropäischen Instrumenten zu vergleichen.

Wir sehen an den nachfolgenden Dispositionsauszügen, dass oft auf einzelne Registereinschaltungen mehrere Pfeifenreihen gezogen wurden, besonders bei den großen Bassregistern werden vielfache Grund-und Teiltöne in Form von Pfeifenreihen addiert.Das heißt also, wie wir gleich auf dem ersten Blatt sehen werden, dass bei Einschaltung der CONTRA TIBIA CLAUSA 32′ folgende Registerreihen (ranks) gezogen werden: 32′, 21 1/3′, 16′, 8′, 5 1/3′, 4, 2 2/3′, 2′ (1′ ist ein Druckfehler) 1 1/3′. Das ist gegenüber dem kontinentalen Orgelbau etwas ganz Neues. Aber prinzipell auf den Gedanken Voglers und Helmholtz aufbauend.

Wir sehen auch, dass diese Reihe nicht lückenlos die Teiltöne 2,3,4,5,6,7,8 etc. repräsentiert, denn es fehlt  nach  2, 3,4 .. der 5te und der 7te Teilton, die wiederum aber in Terz 12 4/5 und Septieme 9 1/7 aus Unitsystemen herausgezogen werden. Also mit Schleifladen wäre das ohnehin nicht zu machen gewesen.

Von der Teilton-Organisation her ist das bereits mit den anstehenden Konstruktionen von elektromechanischer Klangerzeugung und späteren elektronischen Instrumenten die Grundlage. Klar ist, dass es bei Digitalen Instrumenten überhaupt kein Problem mehr darstellt und durch die völlig reine Stimmung zu einer gewissen Langeweile im Klang führt.

Die Winddrücke speziell hier in Atlantic City Hall sind alle exakt vorgeschrieben auf der Registerliste und werden in inch (1’’=25,4mm) angegeben. Wir erkennen schnell, dass hier mit sehr hohen Winddrücken gearbeitet wird, und, dass diese Winddrücke keiner Werkschematik unterliegen.

Die Spieltischanlage des 5manualigen Spieltisches ist:

Pedal (Reg.1-199)

I.Manual, Great CC-c5 = 73 Tasten (Reg.199-288)

II.Manual, (Reg. 204-326)

III.Manual, (Reg. 327- 464)

IV.Manual, (Reg. 465- 501)

V.Manual, (Reg. 502- 570) Antiphonal

Dieser Spieltisch wurde vor dem 7manualigen Ungetüm, auf dem sich Dupré ablichten ließ eingebaut. Er war mit Sicherheit derjenige, auf dem die ersten Konzerte abgehalten wurden. Hier ein Bild mit den Erbauern Midmer & Losh:

 spieltisch3.jpg

 

Der siebenmanualige Spieltisch

I.Manual = CHOIR, II.Manual = GREAT, III.Manual = SWELL, IV.Manual = SOLO, V.Manual = FANFARE, VI.Manual = ECHO, VII.Manual = GALLERY

und dieser Spieltisch hat rund 1250 Registertasten, die ich mir zunächst erspare hier einzeln zu zeigen. Dafür aber eine Spieltischansicht:

 

 spieltisch2.jpg  spieltisch1.jpg

 

Und nun kommen wir zum eigentlichen „Verhandlungsgegenstand“, nämlich dem Klangbild des Giganten.

Eine Schrift, die im Jahre 1932 herausgebracht wurde (ich nehme an, dass es eine Vertragsunterlage war, die alle Details des Orgelbaus enthielt, und die dann sxpäter für Organisten etc. herausgebracht wurde, damit sie eine greifbare Unterlage hatten, um sich vorzubereiten) Diese Schrift jedenfalls diente Oscar Walcker als Arbeitsunterlage für Nürnberg und sie ist die Grundlage für meine Zusammenfassung der Pfeifenanzahlen usw.

Ich habe nun die Angaben, die dort in englisher Sprache vermerkt sind ins Deutsche übersetzt, und damit können wir uns ein Bild machen über die Klangvorstellungen der Organisten und Architekten, die diese Orgel gebaut haben. Da das Ganze auf über 60 Seiten dargestellt ist, müssen wir uns bei der Darstellung hier etwas begrenzen.

Zunächst zeige ich die erste Seite des Pedals, es erfolgt eine Übersetzung der Klangbeschreibung, dann folgend verschiedene Fotos aus der Orgel. Und mit viel Glück werden weitere Blogs folgen, die diese Orgel weiter beschreiben.

Hier also das erste Blatt „Details of the Tonal Design of the Organ“:

text01.jpg text02.jpg

 

Die gesamte Orgel ist in rund 16 Orgel-Kammern untergebracht. Wir sehen nun an dem ersten Blatt, dass diese Pedalregister in den Kammern 1+2 untergebracht sind.

In der ganz rechten Spalte stehen die Anzahl der eigenständigen Pfeifen, natürlich sind es bei den hinzugezogenen Reihen mehr Pfeifen die sprechen, diese aber werden an ihrer Stelle auf der eigenen Windlade hinzuaddiert. Die gesamte Addition ergibt dann die Summe von 29.537 Pfeifen.

 

Die Klangeigenschaften der Register werden wie folgt beschrieben:

CONTRA TIBIA CLAUSA 32′ : soll tiefer im Ton sein als der des Diapason. soll nicht seine Quinte forcieren, soll ein gewisses Gewicht ergeben und ein fundamentale Qualität des Tones.

DIAPHON PHONON 16′ : der Principal-Flöten-Ton in Kammer 2. Infolgedessen soll er vollen, durchdringenden Charakter haben und in sich einen hohen Grad des offenen Holzpfeifenklanges mit wenig Obertonklang zeigen. Er darf keinesfalls zungenähnlich sein.

TIBIA MAJOR 16′ : Mit doppelten Labien, um ein MAximum von Tibiaqualität zu geben, die man überhaupt von einer Orgelpfeife erwarten kann.

PRINCIPAL 16′ : von Holz, soll ein Maximum an Obertönen geben und soll die Linie für diesen Abschnitt des Pedals sein; er soll ähnlich einer Schulze-Pedalstimme mit niederem Winddruck werden.

CONTRA VIOL 16′ : soll eine doppelt streichende Stimme sein; es soll den Charakter von einer maximalen Kraft haben, welche man überhaupt aus einer streichenden Stimme erzielen kann.

TIERCE und SEPTIME: solll mit einem Minimum von Obertönen intoniert werden und mit genügend Kraft, um einen Teil des Pedalchores zu sein.

BOMBARDE 32′ : soll einen geschlossenen Toncharakter sein, weicher als die Bombarde Nr.18, und passend als ähnliches Register zu Ophicleide

OPHICLEIDE 16′ : Principal-Pedal-Zunge mit einem reichen, vollen und führenden Ton. Dominiert die ganze Abteilung

TRUMPET 16′ : mit typischer Trompetencharaktersitik

CONTRA DIAPHONE 32′ : der führende 32′ Principal-Ton mit großem Gewicht und starker Kraf, frei von Zungenqualität

DIAPASON 32′ : obertonreich, und von solcher Kraft, wie man es von doppellabierten Metallpfeife erwarten kann

CONTRA BASS 16′: soll ein möglichst großes Obertonspektrum haben, damit ein voller Streichbass entsteht

TIBIA CLAUSA 16′ : einen vollen, aber weichen Ton haben, aber mit einem Minimum an Obertönen

STENTOR SESQUI ALTERA 7 ranks, soll bestehen aus weitlabierten Diapasonpfeifen, soll so intoniert sein, als es überhaupt an Brillanz und Kraft möglich ist, sie muss fähig sein, den ganzen Zungenchor zusammen zu fassen.

DULZIAN 64′, soll von Trombaqualität sein

BOMBARDE 32′, soll die hauptsächlichste Zunge 32′ sein, sie soll von mächtiger brillanter Qualität sein, sie soll Grundton haben mit der Tuba, und die Brillanz der Trompete haben

FAGGOTONE 32′, soll von ruhiger Intonation sein, der Charakter des Tones soll etwas schneidend sein

CONTRA POSAUNE 16′ soll viel mehr noch als Ophicleide Brillanz haben und soll so intoniert sein, dass sie die größt mögliche Tonstärke in der Trompetenfalmilie aufweist.

 

BILDER AUS DER ORGEL IN ATLANTIC CITY

FANFARE ORGAN – 1250mm WS

orgel_innen7.jpg

 

ECHO‘ ORGAN mit 32′ volle Länge DOUBLE LANGUID VIOLONE  375mm + 850mm WS

orgel_innen5.jpg

 

Stimmer in der FANFARE ORGAN an der GAMBA TUBA, im Vordergrund steht die TROMBA

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 Die 32′ CONTRA TROMBONE mit 875mm WS (mit Stimmer)

orgel_innen8.jpg

 

STENTOR MIXTUR gestimmt von Vincent Willis

orgel_innen10.jpg

 

 OFFENE 32′ im Montagesaal

orgel_innen11.jpg

 

gwm