Archive for September, 2010

Erforschung und Planung des Orgelklanges (Ising, Berlin 1971)

Sonntag, September 12th, 2010

Der hier in PDF-Format vorgelegte Artikel eines Dipl. Ingenieurs, erschienen in der Walcker-Hausmitteilung Nr. 42 1971, zeigt nicht nur die Denkmuster im Orgelbau jener Zeit, sondern es sind teilweise Denkansätze und Grundlagen des Orgelbaus der Gegenwart, die auf einer geraden Linie von Helmholtz (1877) bis hin zum Fraunhofer Institut , Judith Angster, führen.

In der heutigen Zeit ist es angebracht sich nicht mit „Ausschliesslichkeiten“ abzugeben, sondern Informationen von allen möglichen Quellen und Ursachen zu bedienen. Ich persönlich halte jede Form von übertriebener Festlegung auf wissenschaftliche Erkenntnisse für ebenso schädlich, wie die ausdrückliche Ausschliessung derselben unter Berufung auf „künstlerische Freiheit“.

Ein Intonateur, der überhaupt nichts von der helmholtzschen Erkenntnis  über den Luftstrom der durch eine Pfeife sich bewegt weiß, aber in seiner künstlerischen Betrachtung aufgeht, die in völlig anderen abstrakten Bilder in ihm aufleuchten, kann einesteils freier auf seine Intuitionen reagieren – wie eben Eberhard Friedrich Walcker es tat – hat aber andererseits, wenn er von einem ihm fremden Wissen erfährt, den Nachteil, dass die Konkurrenz wenigstens besser argumentieren kann. Im Übrigen sei darauf hingewiesen, dass Eberhard Friedrich Walcker die Neuheiten Voglers als Grundlage seiner Dispositionsweise festlegte, und damit in seiner Zeit uptodate war. Dass diese seine Intonationskunst vielleicht mit heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht parallel gehen würde, ist ja lediglich ein Zeichen dafür, dass man gegenwartsbezogen leben soll.

Bei dem nachfolgendem Beitrag von Dipl. Ing. Ising aus dem Jahre 1971 wurden, vielleicht zum erstenmal, gute Fotografien des Einschwingvorgangs an der Pfeife erstellt, die hier zu sehen sind. Aus dem Druck und anderen Faktoren wurden Eigenschaften des Pfeifenklangs ermittelt. Änderungen an Pfeifendurchmesser und Druck erzeugen andere Teiltöne, was durch Experimente und weitere Versuche tabellarisch festgehalten wurde. Auch die Eigenschaften von Labienhöhe, breite, Kernspaltenweite, Pfeifenlänge und Bärte konnten so experimentell genauer untersucht werden. Die Verlängerung einer Pfeife z.B. erniedrigt nicht nur die Frequenz des Tones sondern wirkt ebenfalls wie eine Erniedrigung des Pfeifenaufschnittes etc..

ising02.pdf

gewalcker@t-online.de

Pfeifen bei Tamburini, das III.Manual in Rom 03

Sonntag, September 5th, 2010

Die Oboe 8 im III.Manual dieser Tamburini-Orgel in S.Cecilia dürfte eines der interessantesten Zungenregister der Orgel sein, vielleicht von Bombarde 16 ausgenommen. Daher habe ich die Aufzeichnungen hier ausführlich gemacht. Wir haben beim C einen konischen engen Kupferbecher mit einer Länge von 2140mm und Durchmesser von 65mm. Ab A sind die Becher mit einem doppelten Konus und Zinkstumpen, der auf dem nachfolgenden Bild aufgemessen wurde:

oboe-masse_becher.jpg

Weitere detailierte Maße kann man dem Eintrag in unserem Mensurenbuch entnehmen:

oboe_mens_buch.jpg

Hier sind weitere interessante Verarbeitungsdetails an den Bechern zu sehen:

oboe_becher.jpg   oboe_becher_oeffnung.jpg  oboe_becher_schlitz.jpg 

Der Aufwurf der Zunge ist hier etwas geringer als bei der Trompete

oboe_aufwurf.jpg

(gwm bei seiligen 25 Grad und einem bevorstehenden Spaziergang zum Piazza di Groce in Gerusalemme, wo man um diese Zeit nur spielende Kinder, ein paar Jogger, und selten ein paar marihuanarauchende Liebespäarchen antrifft)

Pfeifen bei Tamburini, das III.Manual in Rom 02

Freitag, September 3rd, 2010

Die Trompete 8 III.Manual weist keine nennenswerten Besonderheiten auf. Wir haben hier ja Winddrücke unter 50mm WS und einen recht kleinen Saal, so dass die Mensur, Durchmesser 98mm C, Länge 2260 des Kupferbechers, Dicke Zungenblatt 0,52mm, nicht verwundern.

Ich habe im vorigen Blog darauf hingewiesen, dass hier seltsame Überlappungen von Kupferblech bei den Pfeifen und Bechern stattfinden, was wir hier fotografiert haben. Zunächst ein Bild mit Expression, dann Verlötungen am Stumpen, dann div. Becher, in der Hand der längste Becher Ton C:

becher.jpg  becher2.jpg  becher3.jpg

Der Zungenaufwurf beim C ist trotz des niedrigen Winddrucks beachtlich:

zunge.jpg

Hier sind Keil, Zungenblatt, Stiefel, Nuss und Kehle, daneben noch ein paar Maßaufnahmen Ton C

stiefel_und_teile.jpg  stiefel_und_teile2.jpg 

und in dem nachfolgenden Bild des Ranckett 16′ können wir endlich beweisen woher der Name der Zunge stammt:

rankett_zung1.jpg

ja, Zungen sind eben auch nur Menschen….

(gwm)

Pfeifen bei Tamburini, das III.Manual in Rom 01

Mittwoch, September 1st, 2010

Mit den nachfolgenden Fotos beginne ich, das Pfeifenwerk der Orgel in SANTA CECILIA, ROMA, vorzustellen.

Das III.Manual hat zwei Schleifladen und separate elektrische Laden für Bourdon 16, Musette 16, Rankett 16. Wobei die von vorne ganz links gesehene Schleiflade (2) in drei Windladen aufgesteilt ist: in C und Cs und dann noch eine Fortsetzungslade ab g2 für die kleinen Pfeifen, an die man sehr ungünstig später zum Stimmen hinkommt.

Wir haben neben diesen kurzbechrigen Zungen, die nicht Jedermanns Geschmack sein müssen, aber auch eine enge Trompete (Tromba dolce 8) und eine Oboe 8 im Schwellwerk des III.Manuals, die wir in einem späteren Blog vorstellen.

Die Musette 16 kann ebenfalls von Pedal aus gespielt werden und ist unlogischerweise außerhalb des Schwellerkastens auf einer eigenen elektr. Kastenlade untergebracht und in C-Cs-Seite aufgestellt. Die Pfeifen haben extrem kurze Becher um 50cm beim C, was entsprechend reduzierten Grundton mit sich bringt. Aber der Klang ist mit 56mmWS ansprechend.

musette16.jpg  musette16_2.jpg

Der Bordon 16′ ist ein angenehmes Baßregister auf eigener Lade an der Schwell-Rückwand, das bis zum e1 in Holz dann in Metall gebaut wurde. Es werden daraus ins Pedal zwei Register transmittiert: Bourdon d’eco 16′ und  Bordon d’eco 8′ und im III. haben wir das Bordun 16′ bis g4 (also bei der Superkoppel geht es bis zum g4 nicht bis zum c5). Die großen Pfeifen sind hier als Bild nun nachgereicht.

bordone02.jpg   bordone03.jpg   bordone01.jpg  bourdon16_an_rueckwand.jpg

Eine Eigenart von Tamburini ist, dass er oft C-H bei größeren Registern in Kupfer fertigt. Dabei werden die Enden zur Lötnaht nicht aneinander gestossen und gelötet, sondern die Enden überlappen und werden so überlappt gelötet. Seltsam. Auch der Umstand, dass Stimmrollen nicht in Zinnlegierung eingesetzt werden, sondern es wird das Kupfer ausgeschnitten und gerollt, was verhaltenes Stimmen empfiehlt. Wir haben hier auch schon mehrere abgebrochene Stimmvorrichtungen reparieren müssen.

Hier also nun der Principalino 8′ (vielleicht werden wir bald belehrt, was das „palino“ bedeutet) der auf der zweiten Lade steht, wo wirklich extremer Platzmangel herrscht. Wir sehen an den Fotos auch, dass der Platz für Pfeifenansprache äußerst begrenzt ist.

Nach der Intonation, des hinter dem Principal liegenden Salicional, und späteren Einbau der Principalpfeifen, war der Klang des Salicional völlig verschwunden. Die tiefen Pfeifen summten nur noch verhalten in undefinierbaren Klanggespinsten. Der Grund dafür ist, wenn die Pfeifen zu wenig Platz haben, ihren Klang entfalten zu können. Ich erinnere an den Satz der Altmeisters Aristide Cavaillé-Colls, dass man in einer gut geplanten Orgel um jede Pfeife herumgehen können muss. Was mit hintersinniger Absicht natürlich etwas übertrieben formuliert war.

principalino_8.jpg  saliconal_und_principalino.jpg

gwm ( wir haben in Rom immer noch um 20:15 gute 24 Grad in den Straßen, aber leider auch unter dem Schreibtisch ein Heer von Stechmücken, weswegen es öfters während diesen Schreibarbeiten mal „klatsch“ gemacht hat)