Archive for April, 2009

Dallen in Pfeifen beseitigen

Dienstag, April 14th, 2009

Bei jeder Ausreinigung, ja, fast bei jeder größeren Wartung, nach Transporten und nach den vielen kleinen, alltäglichen Unfällen an Pfeifenorgeln finden wir sie: die hässlichen Dallen, oft an Prospektpfeifen, noch öfters an unsichtbaren, dünnwandigen Ladenpfeifen.

Einmal also ist es ein ästhetisches Problem, das uns gebietet, diesen Ent-formungen der schön polierten Pfeifen zu entgegenen, dann aber ist es auch ein Klangproblem, das auf Pfeifen zukommt, die mit Dallen verformt sind. Weitere Reparaturmaßnahmen in diesem Zusammenhang muessen getroffen werden an den Stimmvorrichtungen, die in jedem Fall genau so wie Dallen behandelt werden,  aber anschliessend gelötet werden müssen. Und bei Prospektpfeifen sind es oft Kratzer die beseitigt werden müssen, was am einfachsten mit feinster Stahlwolle geschieht. Die feinen Kratzschliffe dieser Stahlwolle kann man danach mit Silberpoliermittel beseitigen. All  dies sollte man an historischen Pfeifenmaterial jedoch grundsätzlich unterlassen.

Zuerst das Werkzeug, das man in Australien braucht, denn hier kann man nicht mit einer Pfeifenwerkstatt anreisen:

es sollte ein Weissbuche oder Weichholzbrett besorgt werden und eine Eisenstange, die möglichst nahe an den Durchmesser der zu reparierenden Pfeife herankommt. Diese Eisenstange wird an einem Ende in einen Holzklotz gespannt und ist vorne offen, um die Pfeife dort einzuführen. Hierzu zwei Bilder:

02_das_werkzeug.jpg 02a_werkzeug_mit_bank.jpg

Man sollte zunächst eine gewisse Praxis mit dem Klopfholz an alten Pfeifen erwerben. Wichtig ist, dass die Eisenstange völlig glatt und das Klopfholz frei von Ecken und Kanten ist.

Hier nun die feindliche Stelle, die mit Schlägen des Holzes ausgebügelt werden soll:

01_deformierte_pfeife.jpg

Vorsicht: das Wichtigste ist, dass man mit dieser Arbeit oft mehr Dallen mit dem Ende der STange in die Pfeife einbringt, als diese ohnehin schon hat. Sehr vonb Übel ist es, wenn dieses Ende die empfindlichen Stellen wie Labium und Kern malträtieren. Daher also zuerst ein paar alte Pfeifen restlos entsorgungssicher bearbeiten.

03_vorsicht.jpg

Hier das Ergebnis, das ich bei rund 120 Pfeifen hier in Canberra bewerkstelligen musste:

04_rundierter_koerper.jpg

denn die Federkraft der Stimmschieber war einfach zu stark, was nach Jahren jene Deformationen hervorrief.

gwm 14.April 09

Canberra

Kernstiche

Mittwoch, April 1st, 2009

Manch einem gelten sie als das ausgesprochene Teufelswerk im Orgelbau, und anderen als Allheilmittel, um störende Pfeifengeräusche zu eliminieren. Besonders in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten waren Kernstiche passé. Dafür waren Diskussionen um offene Fusslöcher und Kernspaltenintonation an der Tagesordnung. So in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts haben sich die Ansichten in Sachen Intonationshilfen gewandelt. Auch die von anerkannten Altmeistern vorgenommenen Kernstiche, wie Andreas Silbermann, haben die Vorstellungen über radikale Ansichten gemildert.

Hier an unserer kleinen Serienorgel, Walcker Positiv „E“ – Canberra, Australien, war ich erstaunt beim Gemshorn und Rohrflöte eine völlig platte und fauchende, gehaltlose Intonation vorzufinden , so dass ich mich entschloss jenes“grundtonloses“ Zischen gegen maximale Klangkraft einzutauschen. Dafür sind drei Intonationsschritte erforderlich:

a) die Pfeifen müssen an Fuß und Kernspalte maximal geöffnet werden

b) das Oberlabium muss sehr weit herausgehoben werden

und last not least c) der Kern muss einige Kernstiche erhalten, beim Gemshorn 8 bis etwa c“. Mit den Kernstichen wird der runde, volle Ton begünstigt, Anblasgeräusche werden minimiert.

Wir haben an dieser Orgel 65mm Winddruck, der Aufschnitt war bereits sehr hoch angelegt, die Klangstärke der Basspfeifen war auch wegen der viel zu engen Mensur unbefriedigend schwach. Das wurde durch die obigen Maßnahmen verbessert. Besonders in der Mittellage sind die Pfeifen wesentlich frischer in Erscheinung getreten.

Kernstiche sind bei diesem niedrigen Winddruck nur verhalten anzubringen, aber erforderlich. Man beginnt am besten in der Mitte des Kerns einen kleinen Stich mit diesem bei Laukhuff erhältlichen Kernstichmesser. Dann setzt man vielleicht noch zwei links und rechts. Eher etwas vorsichtiger eindrücken. Weil bei zu starkem, Eindruck der gegenteilige Effekt eintreten kann, nämlich, dass die Pfeife zu zischen beginnt.

dsc_0178.jpg gwm.jpg rohrfloete.jpg

Das erste Bild zeigt die Kernstiche mit dem Kernstichmesser, das zweite meinen ARbeitsplatz in Australien und das dritte die Rohrflöte im Vordergrund, dahinter Gemshorn. Man beachte die extrem enge Mensur an den rechten Pfeifen gut erkennbar.

gwm

Canberra 1.4.09 19Uhr43